In der Bibliothek: Kinder lesen vor – Lotte hört zu
Vier Kinder sitzen im Halbkreis auf Kissen und lesen wechselweise aus einem Buch vor. Wer sich nicht traut, vor anderen zu lesen, hört einfach nur zu. Diese Lesestunde bietet die Kinder- und Jugendbibliothek Riesa derzeit einmal monatlich an. Das Besondere daran: Vor den Mädchen und Jungen liegt eine weitere Zuhörerin – vier Beine, hellbraunes Fell, aufmerksame Augen und Ohren – und kuschelbedürftig. Das ist Labrador Retriever Lotte, die mit Frauchen Jenny Schreiber zur „Leseförderung mit Hund“ ins Haus am Poppitzer Platz gekommen ist.
Wenn sich die Kinder gesetzt haben, werden zunächst die Hunderegeln verkündet: Nicht am Kopf streicheln, keine Leckerlis, dafür ist zum Abschluss noch Gelegenheit. Das Buch haben sich die Kinder selbst ausgesucht, dann geht es los: Manche lesen zwei Seiten, manche drei. Und wer nicht möchte, muss auch nicht – aber bereits das Zuhören fördert bei jeder und jedem die Lesekompetenz. Ziel der beschaulichen Stunde sind bessere Lesefähigkeiten der Kinder, die Steigerung ihres Selbstbewusstseins und ihrer Motivation zum Lesen in einem angenehmen Umfeld. „Lotte wirkt dabei als Motivator, Eisbrecher, Zuhörer, Angstlöser, Komiker, Vertrauenspartner und Lernbegleiter“, beschreibt es Jenny Schreiber.
Labrador Retriever gelten als freundlich und ausgeglichen, was Lotte eindeutig bestätigt. Sie geht auf andere Menschen zu, spürt aber auch, wenn jemand Angst hat. „Es ist schön zu beobachten, welch feine Antennen sie hat“, hat Jenny Schreiber festgestellt. Lotte ist der ruhende Pol zwischen den Mädchen und Jungen, was nicht heißt, dass sie nur auf der Decke liegt. Die zehnjährige Hündin läuft auch mal durch den Raum, schnuppert und begrüßt alle Anwesenden, sucht zwischendurch immer wieder die Nähe zu Frauchen. Am Ende ist sie auch für einige Kunststücke zu haben, reagiert genau auf Kommandos und läuft zur Freude der Kinder auch durch den von ihnen gebildeten „Beintunnel“. Danach ist Lotte aber auch erschöpft und braucht Ruhe, schließlich hat sie unheimlich viele Eindrücke zu verarbeiten.
Während ihres Studiums der sozialen Arbeit suchte Jenny Schreiber ein Thema für ihre Bachelorarbeit und kam dabei mit einer Kollegin ins Gespräch, die zwei Therapiehunde besaß. „Sie hat ihre Hunde in den Hort mitgebracht und ich konnte viel von ihr lernen“, sagt sie. Das Bachelorthema lautete schließlich „Tiergestützte Pädagogik im Hort“. Auch bei der Kommunikation mit ihrer Hündin habe sie jeden Tag dazugelernt. So sei das Interesse an intensiver Arbeit mit dem Tier gewachsen und letztlich der Wunsch gereift, mit Lotte eine Ausbildung zum Therapiehund zu absolvieren. „Das ist fünf Jahre her. Danach haben wir meine Kita und den Hort besucht. In einer Tagespflege waren wir auch schon im Einsatz“, so Jenny Schreiber.
Da ihre Tochter angemeldete Leserin der Riesaer Bibliothek ist, kommt auch die Mutti mit Lotte regelmäßig hierher. Als die Mitarbeiterinnen erfuhren, dass da ein Therapiehund zu Besuch ist, entstand die Idee zu dieser besonderen Leseförderstunde. Am Dienstag, dem 19. Mai, 15.30 Uhr, sind Jenny Schreiber und Lotte wieder zu Gast. Bis zu sechs Kinder können dabei sein, auf Wunsch im Hintergrund auch die Eltern. Die Anmeldung ist direkt in der Kinder- und Jugendbibliothek möglich.